Tuesday, January 28, 2014

MORFIN - Inoculation - Cd / FDA



Orson Unglaube hat eine Zeitmaschine gebaut. Echt, ohne Scheiß, das könnt ihr glauben. Irgendwann hat der all die Teile, Polstersessel, Flux-Kompensator, Schweizer Uhrenreplik und so zu einem Apparat verschraubt, mit dem er immer in die Vergangenheit rast und Leute mit zurück bringt, die ihm dann mächtig Kohle in die brandenburgische Provinz spülen. Irgendwo hat er bestimmt einen Talentdetektor angeschraubt, vorn dran, da wo es sensibel ist. Und dann lotet er die Chancen aus, ob die Band oder die Band was taugt, dann saugt er sie auf und bringt sie zu uns. Er hat einen Deal mit Kronos, für die Möglichkeit die Zeit zu beherrschen, kriegt der Gott frische Eier vom Land oder so was. Und das macht sich bezahlt, weil eine Scheibe nach der anderen aus dem Labelbunker purzelt, ohne dass je grobe Aussetzer darunter wären und ohne dass je was modern geklungen hätte, ohne dass je etwas in die Kritik des Mittelmaßes gefallen wäre. Macht ständig diesen seltsam exklusiven Eindruck, ist beinahe unheimlich. Ich glaube ja, irgendwann geht der Reisesessel mal kaputt und alles ist für den Arsch gewesen, aber der geht nicht kaputt. Und all die Bands und ihre Alben können unmöglich aus der Gegenwart stammen, also muss es die Maschine geben. Warum die das nicht können? Na ihr kauft und hört die doch auch?  
  
Nehmen wir zum Beispiel nur mal MORFIN. Und guckt mal hin, wie die aussehen, so authentisch nach Frühneunziger Teen – Metal – Revolution. Das macht heute keiner mehr, den Pony und den Nackenspoiler gewagt zu kombinieren. Die gucken genau so schüchtern und bedröppelt von ihren Bildern wie einst Schuldiner und Kumpels. Dann das Plattencover, das könnte aus den besten Cannibal Corpse Zeiten stammen, als da noch der charismatische Augenverdreher brüllte und etwas von härter werden, und schneller spielen ins Mikro blauäugelte.. Zombie in Jeans am Gedärme nagend, was fällt euch denn dazu ein. Und dann noch schick bunt, na ich weiß nicht. Den Rest Gewissheit gibt die Musik her, klingt original nach alten Sachen von Massacre, Cancer, Obituary  und natürlich und vor allem Death. Nicht so, als würden die das als Reminiszenz an die alten Tage interpretieren, sondern als würden sie sich in 1990 einen Proberaum teilen. Als würden die drum würfeln, wer Bier holen muss, und herausfinden  wer mit wessen Macken Probleme bekommen wird. Dass die „Leprosy“ spielen müssen, ergibt sich beinahe zwangsläufig. Bisschen Thrash ist auch bei und irgendwie erinnert mich das Basssolo „Primordial“ an Metallica. Dann ist die Musik manchmal so unaufgeregt, mit all den Midtempo Sachen irgendwie entspannend. Soll bestimmt nicht so wirken, hat aber so dieses Flair. Kann man sich im Sessel zurück fallen lassen und denken, hab mir was richtiges gegönnt. Hat so die Atmosphäre meiner alten Dachkammer, daheim bei meinen Eltern, die Wände voll mit Postern, auf dem Boden selbstgebastelte Buttons aus labbrigen Margarinedeckeln. Dem überteuerten Kassettenrecorder die frisch eingetauschten Tapes implantiert und dann versucht aus der scheiß engen, von Mutti passgenau abgenähten Jeans heraus zu kommen. Stretch? Noch nie gehöret.
Dann wieder schmeißen die mit metaphorischen Pflastersteinen die Schaufenster des Establishment ein , rasen so richtig los. Lassen staubig erscheinende Solis den Part des Bindfadens übernehmen, der beide Elemente  locker zusammen hält. Im Grunde ist die Musik von MORFIN wenig ausgeschmückt, kümmert sich nur um das was Death Metal in seiner eigentlichen Form wirklich benötigt, und verzichtet auf selbstverliebten Schnickschnack, auf Gitarrenwichserei, die den Song nicht voran bringt, oder auf endlose Wiederholungsschleifen, oder auf experimentelles Dahinquietschen, oder auf die Überschreitung unsichtbarer Genregrenzen, oder drauf, dass unerwartet Weltfrieden einsetzt. MORFIN ist Musik auf den Punkt, nicht mehr. Genau solche Musik hätte mein Heim erschüttert, genau da gehen MORFIN hin und genau von da kommen sie. Ich sehe die und höre die, und glaube den Mist, den ich hier schreibe selber. So etwas kann nicht ein Produkt eines völlig bekloppten Jahrtausends sein, da wo alles nur immer undurchsichtiger und wertverlustiger wird. Wer und warum sollte sich denn heute noch an die Ideale von einst entsinnen sollen? Wo es doch alles auf einen Klick gibt und so. Da will doch junges Volk nichts mehr mit den verklärten Geschichten der Väter zu tun haben. Nein, so was macht keiner. Deshalb weiß ich, dass da irgendwo im Oderbruch so eine Schüssel steht, die einen direkten Draht zur Quelle hat. Und es werden weiter Alben ausgespuckt und weiter Bands ins Sonnenlicht gezerrt, die vorher keiner auf dem Zettel hatte, und die werden ihre verdienten 15 Minuten Ruhm bekommen und vielleicht auch, wenn alles gut läuft, sich für längere Zeit Aufmerksamkeit erarbeiten. MORFIN sind cool, weil sie so echt sind, weil sie nicht so wirken, als wäre ihnen der Retrogedanke so wichtig, selbst wenn es sich genau so anhört. 

8/10

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