Wednesday, October 30, 2013

UNCOFFINED - Ritual Death And Funeral Rites - Cd / Memento Mori



UNCOFFINED, ha, der verdammte Bandname sagt schon alles. Die hobeln sich eine morbide Ode an das Leben unter der weltweiten Friedhofserde von der Leiste. Die Briten, die bewusst auf den Spuren von Black Sabbath wandeln, nur halt auf Death Metal Art und generell um einige Nuancen behäbiger, schaufeln so ziemlich jedes Grab wieder auf, in dem irgendwann mal eine Genreleiche versteckt war. Die Atmosphäre, die sie mit ihren unter die Schuhsohlen gestimmten Instrumenten fabrizieren, ist so was von düster und fett vernebelt, dass die aus der Nummer nie wieder raus kommen. Sollten die irgendwann mal die Absicht hegen, aus der Band was andres außer Doom und Sludge zu locken, müssen die vorher zum Abdecker. Bis dahin weht der Wind Richtung finnischer Verzweiflung, gepaart mit erwähnten und kaum zu überhörenden Klassikern und Szeneurvätern. Stimmlich passt das natürlich nicht, das klingt eher, als käme dem Sänger das Mittagessen wieder hoch…und zwar mehrfach. 

In diversen Kritiken und auch von Seiten der Bands kommen metaphorische Vergleiche zu alten Hammer Filmen auf. Und um ehrlich zu sein, beschlich mich das gleiche Grauen, noch bevor ich anderswo eine Kritik gelesen hatte. Gut, ob Christopher Lee in seiner aktiven Vampirkarriere mit solchem verstörenden Dröhnen aus der Gruft geschmissen werden wollte, oder zu diesen immens zähen und schartigen Riffs Jungfrauen an den Zwickel wollte, muss stark in Frage gestellt erden. Aber die Band selbst nimmt sich offenbar der Thematiken der alten britischen Horrorschmiede an, versucht wirklich erfolgreich so einige der Geschichten, rudimentär versteht sich, am Kragen zu packen und in Töne zu kleiden. Zusätzlich nutzen sie noch diverse Samples von besorgten Exorzisten, Geisteraustreibern, Hexenjägern, Satanisten und Zombieschlächtern oder so was in der Art. Wie die Musik, wirkt dadurch auch das Image gewollt angestaubt. Na ja, und weil der Gefühlsteppich dermaßen sinister daher kommt, haben sie das wohl auch richtig angepackt. So wie der Untote ungelenk über den städtischen Leichenacker stolpert, so mäandern auch UNCOFFINED über den Szenefriedhof, packen hier mal was Verwestes am Schopf und machen draus Kunst im Sinne von arthritischem Metal. Andererenorts lassen sie sich mal von einer flattrigen Hexe auf dem Besen über rauchende Ruinen mitnehmen und generieren Horror fast ohne Aufwand. Generell setzten die Jungs einzig und allein auf puren Düsterkram, auf Bässe, die das leidvolle Stöhnen der in ihren Särgen noch eingenagelten Wachgewordenen übertönen, auf unaufgeregtes Druming, das mehr als gemächlich das Katzenfell streichelt und auf kaum herausfordernde aber ungemein funktionale Gänsehautmelodien. Und Zeit lassen sie sich mit allem: Damit mal aus der Hüfte zu kommen, damit einen Song in Schwung zu bekommen, damit den Hahn auch irgendwann mal wieder abzudrehen, damit irgendwas mit Metal zu tun haben zu wollen. Viel lieber rütteln sie in aller Arschruhe an den Fundamenten der Metalgeschichte und schreiben Songs, die auch ein Toni Iomi zumindest als interessant betrachten würde. Technik und verschachtelte Arrangements, die große Kunst den Knoten in die Gitarre zu machen, berührt die nicht die im Mindesten. Die wollen einfach nur stumpf und zäh wie Morast an ihren Instrumenten zotteln. Irgendwo zwischen Winter und Saint Vitus, zwischen Melancholie und ultimativer Todeserfahrung.

Das Tempo ist durchweg jenseits herzgefährdender Überlastung, stilistisch wird viel in den 70ern gewühlt, nur der Sound ist halt dicker und die Vocals um mehrere Nummern weiter am Rand von Gut und Böse. Die rockige Schlichtheit weicht einem bleischweren Vorhang aus primitivem Death Metal. Resistent gegen die Unbilden der Moderne nehmen UNCOFFINED uns mit in die Vergangenheit, als alles noch so schön einfach war. Als die Friedhöfe noch nicht abgeschossen werden mussten, weil subversive Elemente Blumen klauen und räudige Köter in die Rabatten kacken, als Nebel noch aus der Nebelmaschine kam und nicht digital dazugesaut wurde, als Blut noch aus Kakao und Lebensmittelfarbe bestand und Spinnenweben in jedem Winkel akzeptiert wurden. Nach der etwas schlichten Devise eines karrieremachenden Kleinwüchsigen, ist es nicht das schlechteste, sich an den einfachen Dingen des Lebens zu freuen. Oder in diesem Fall an dem was danach passiert. 
8/10

INSURRECTION - Prototype - Cd / Galy Records



Crowdfunding – das ist wenn man blank ist, und sich seinen Urlaub durch schnorren bei Mildtätern finanziert! Früher brauchte man dafür eine Lizenz und ein Schifferklavier. Und heute ist das Betteln im globalen Datenstrom up to date. Da erklär mir doch mal einer, warum es plötzlich so hip ist, mit leeren Taschen anderen an den Beutel zu gehen, um sich hinterher mit braungebrannten Arsch durch das bunter Nachtleben von 100 Strandbars zu lachen. Welchen Hebel muss man da wo ansetzen, um den Verstand der Geldverschwender auszuhebeln? Das geschieht ja nicht unter Zwang, wie sagen wir mal, wenn ich einen Flughafen bauen will und das Geld über rechtlich legitimen Raub dafür missbrauche. Nee, Crowdfunding ist eine Methode des Privatsektors, die meist nur einer Person oder Gruppe zugutekommt. Steuern sind für das Allgemeinwohl gedacht, zum Beispiel eben für Flughäfen, Opernhäuser, Bahnhöfe, Citytunnels, Militaria, was so ein Land eben am Laufen hält, attraktiv macht. Aber die gerade populäre Attitüde  von „Haste ma ne Mark, dann schreib ich deinen Namen irgendwo ins Eck“, setzt sich in gleichem Maße durch wie zum Beispiel das politische Streben Europas sich bei konspirativem Getuschel besser wieder in die Augen zu sehen, bevor der hinterm Atlantik auf „laut“ drücken kann.

Crowdfunding funktioniert tadellos, da kannst du dann vom Rand der Welt springen, mit dem Rad nach China fahren, oder eben ein neues Album aufnehmen. So geschehen bei den Kanadiern von  INSURRECTION die das dann auch noch passenderweise Prototype nennen, als wollten sie den Testlauf lediglich für noch größere fremdfinanzierte Schläge zum Einsatz bringen. Aber lassen wir das wie mal beiseite und betrachten das was

Prototype ist das nunmehr 3. Album in einer 10 jährigen Bandgeschichte, die nicht ohne personellen Verschleiß durch die Dekade gegangen ist. Reiberein sorgen für Spannungen, und Spannungen für ein gewisses Maß an Aggression. Das wiederum ist gut für den kreativen Prozess, zumindest wenn es um Metal geht. Nichts schreibt sich besser und klingt hernach überzeugender, als mächtig angepisst zu sein. Damit habe ich den positiven Teil der Scheibe gefunden. Oder anders ausgedrückt, der Zweck heiligt doch noch die Mittel. Das was INSURRECTION hier mit dem aus der Kollekte entstandenen Longplayer gelungen ist, ist ein nicht von der Hand zu weisendes brutales Album mit allen Ingredienzien die der Death Metal dort im transatlantischen Sektor für gebrauchsfertig erachtet. Wir haben einen gesunden technischen Standard, wir haben brutales Dazwischen gehen, wir haben Melodie und jede Menge Groove. Das alles zusammen klingt beinahe traditionell, die Produktion aber verhilft dem Gesamteindruck auf eine moderner klingende Stufe. Gern werden Vergleiche zu Misery Index gezogen. Stimmt auch, Grooves, Doppelgesang, der grindige Unterton und die technische Sicherheit, mit der die Songs präsentiert werden, haben schon fast brüderliche Verwandtschaft. Nur klingt es eben nach einem Produkt aus einer (fast zu) sauber produzierten Schmiede. Zudem schleichen sich Stakkatos aus dem Hardcore Sektor ein, die ebenfalls in der Verbindung zum Death Metal auf einen aktuelleren Anspruch pochen. Was auch deutlich ins Hintertreffen gerät, ist der Twist auf den hohen Saiten, weil das Chaos und die künstlerische Kakophonie, das Querdenken ausgeschlossen werden. INSURRECTION sind diesbezüglich viel mehr um Eingängigkeit bemüht, als ihnen vielleicht bewusst sein dürfte. Nistdestotrotz beherrschen die Akteure ihre Instrumente bis ins letzte Zipfelchen, keiner geht im Sound unter, jeder darf sein Können zur Schau stellen. Der Bass ist knatternd und fröhlich in aller Deutlichkeit zu hören, die Drums klingen satt und Leads wie Rhythmus von den 6 Saiten treiben ein nachvollziehbares Doppelspiel. Vorrangig setzt die Band auf Härte und Harmonie, den Schädel zu gewagt aus dem Fenster zu hängen, das vermeiden sie ganz deutlich. Und mit dieser Methode fahren sie auch ganz gut. Prototype ist unterhaltsam, bis zu einem gewissen Maße anspruchsvoll und lässt sich vor allem nicht festlegen. Der erfolgreiche Versuch, diverse Variablen aus diversen Genres einzubinden gelingt. Drive und rhythmisches Dauergebrezel treffen auf das Laufrad in dem der Hamster verreckt, Intelligenter musischer Terror hält den Kreisel in Bewegung, egal ob sich ihm kompositorische Hindernisse, Rhythmus-, und Geschwindigkeitswechsel, dezentere und angepustete Töne oder die der hemmungslosen Sorte in den Weg stellen. Wer technischen Death Metal mag und von markigen, etwas zu hellen Riffs gebügelt werden will, wer den Enthusiasmus der Musiker spüren will, aus der gehamsterten Kohle einen verträglichen Gegenwert zu zaubern, der ist hier durchaus an der richtigen Adresse. 
7/10

Tuesday, October 29, 2013

SKELETHAL - Morbid Ovation - Tape / Disharmonic Records



Als ich letztens im Zauberwald unterwegs war, drunten im Sächsischen, hörte ich hinter Farn und Fels ein Stöhnen. Unsicher ob ich weiterziehen oder hinter das Grün spähen sollte, kam von dort folgendes Gemurmel, begleitet von Geräuschen deutlichen Unwohlseins; "Was rumpelt und pumpelt in meinem Bauch herum? Ich dacht…“ und ich dachte, ist der haarige Depp schon wieder drauf reingefallen. Klassische Konditionierung bei Wölfen kann mühsam sein. Also wagte ich mich in das Gebüsch (nagelneu – nicht gebraucht) und siehe da, hier liegt er, der neueingewanderte Räuber, der Lieblingsfeind von Jäger und genossenschaftlich nicht mehr organisiertem Viehzüchter. Ich sag mutig zu ihm; „ Du bist mir ein Vogel, lässt du dich schon wieder verklapsen von diesen pubertären zickigen Blagen?“ Beschämt schlägt er die Augen nieder; „Müssen wohl Wackersteine sein“ „ Wackersteine Mann!!! Selbst dein Vokabular stammt noch aus des Schriftstellers Antiquitätentruhe, Schlackesteine werden sie dir im Wanst versenkt haben, 800 x 500, da reicht einer und erlebst die Verstopfung deines blöden Rumexistierens, aber lass mal horchen“ Mit dem Ohr auf der prallen Raubtiermitte beschleicht mich schnell ein anderer Verdacht! Die Kids von heute sind einfallsreicher geworden. „Das kenn ich – das sind Magnetbänder, die spulen da drin kreuz und quer herum, verdammt dich haben die kleinen Scheißer aber ganz fies auf dem Kieker. Hätten die dir die neue Antrittsrede vom pflaumenfarbenen Blazer gegeben, vom hoffnungsvollen Streben, gemeinsame Lösungen zu finden, während ihre Hände in einer obszönen Gebetshaltung verharren, hätte es dich nicht schlimmer treffen können. Du wirst für den Rest deines elenden Siechtums lauter rumpeln als die Marschkapelle beim Schützenfest. Na ja, viel Glück dann noch und halt den Darm steif, hilft bei der Verdauung“. Aber zu helfen gab es da nichts mehr, blieb zu hoffen, dass ihn der Jäger schneller findet als der Wahnsinn. 

Denn was da in ihm herum donnerte, war ein locker geschnürtes Paket an holperndem Frühneunziger Death Metal aus europäischer, vorzugsweise nordischer Fertigung. Verantwortlich für die Überproduktion von Magensäure und den steigenden Stresspegel bei Meister Isegrim zeichnen zwei unbedarfte Franzosen, deren Bio so kurz ist wie fernöstliche Geschlechtsorgane; SKELETHAL mit H aus Frankreich. Das Duo, so steht es zu lesen, wollte fix mal Death Metal spielen, haben ihre Instrumente in den Keller gestimmt und ein Demo aufgenommen, fertig. So einfach kann es sein! Im früheren Leben oder der Parallelwelt, hauptamtlich und wohl etwas weniger leidenschaftlich thrashen sie in einer Kapelle namens Infinite Translation. Von denen haben sie aber nichts mit ins morsche Boot gepackt, SKELETHAL ist unzweideutig genau das was der Demotitel verspricht, ein Kniefall vor dem sinisteren Herren der Morbidität. Und so wie die ihre 4 Stücke blauäugig in den freien Raum schmettern, bekommen auch Tote Kopfschmerzen. Das nun wieder kann ruhig als Kompliment stehen bleiben, denn auch wenn der Sound ein unüberwindbarer Sumpf aus Bässen und Übersteuerung ist, auch wenn der Mann am Mischpult einem Herzinfarkt erlegen sein muss, verbirgt sich dahinter ein aufrichtiges Bleigewitter. Vor allem die Kakophonie der Leadgitarre gemahnt zur Ehrfurcht vor der Disharmonie! Kein Wunder dass sich der Köter da im Busch windet wie ein Regenwurm am Haken. Denn was er ertragen muss, ist eine sehr rohe Mischung aus schwedischen Urtönen, britischem Schlachtenlärm und spanischen Geschmacksverirrungen der grauenhaften Art. Die Riffs donnern vor den Drums davon und die Solis quietschen und jammern dazwischen. Der Verursacher biologisch bedingter Verbalausfälle growlt unterirdisch heiser und Kehlkopfkrebs – würdig. Tempo raus nehmen aus dem Geschehnis geht gar nicht, lieber noch einen Akkord mehr in die Kiste packen, die Regler hoch drehen und kräftig schütteln. Das Ergebnis ist dann tatsächlich die Art Death Metal, die als sie noch in den Kinderschuhen stank, ihren Platz vorrangig auf Tape fand. Für die Jüngeren unter euch wird es jetzt schwer, die eingetrübte Vorstellungskraft zu fordern. Stellt euch vor, das kommt aus einer Zeit, als Handys noch begehbar waren, das Telefonbuch nicht per App erreichbar war, sondern an der Kette hing. Wen verwundert es also, dass die Rotznasen nichts besseres mit dem Band anzufangen wussten, als es dem Wolf in den faulen Rachen zu schieben. Der muss sich nun mit einer Glanzleistung feinster Gewaltbereitschaft abfinden. Mit Musik direkt vom Friedhof, dort wo Grabsteine bröseln, Nebel das schlimmste verdeckt und Tote aus knarrenden, schlecht vernagelten Kisten steigen. 

Also SKELETHAL; das ist in Duo mit dem blutendem Herzen am rechten Fleck, mit dem Gespür für die gute alte Zeit, als wir uns noch ein Ozonloch leisten konnten, eine Band so unbeherrscht wie ihre nicht immer zu Ende gedachte Musik, so laut wie das Getöse ihrer zur Tierpflege ungeeigneten Bänder, so hemmungslos wie ihr Wille, das größte Chaos jenseits der Mosel loszutreten. Und das ist eine Band, die der Zeit den Zahn gezogen hat, denn obwohl vieles durcheinander geraten scheint, machen der Donner und das Blitzen auf akustischer Ebene viel Spaß. Weil der Schmalz aus den Ohren gesprengt wird. Noch sind sie nicht am Krematorium ihrer Wünsche, aber die schwarze Kutsche findet den Weg. 
6/10

Monday, October 28, 2013

SUTURE - Carnivorous Urge To Kill - Cd / Comatose Music



Die Sache mit der Auferstehung ist gar nicht immer so erfolgreich, wie sie der vom Holz gehakte und in die Steinkammer gesperrte Vater der Untoten bezeugen könnte, wenn er den Schniedel nicht so erbärmlich eingekniffen hätte und klamm und heimlich zu Papi unter den himmlischen Küchentisch zurückgekrochen wäre. Vor allem muss sie nicht so kompliziert sein. Waren ihm wohl zu blöd, die schnöden Menschlein, erst ist das mit der Akquise schief gelaufen, hernach ist man der Buhmann und dann steigt auch noch einer der Vertreter ohne ordentliche Kündigung aus, verrät sogar brisante Innenansichten der Firma, nur weil er von der Konkurrenz besser bezahlt wird. Das Geschäft scheint vollkommen ruiniert. Beim letzten Meeting hat er sie noch mal eingeschworen; ihr könnt das, gebt alles und klingelt an jedem verdammten Haus!, und als er danach im Garten einen Joint rauchen will, um diese Versager nicht mehr sehen zu müssen; zack gibt’s eins auf die Nuss. Scheiß doofe Menschen, erst tun sie sich mit dem neuen Produkt schwer und dann hängen die den Marketingleiter auch noch zur Show auf den Bügel. Nö, so nich, kaut mal ruhig auf den ollen Kamellen herum, ich bin dann mal weg. Wenn ihr mich braucht für das Seelenheil und all diesen Tinnef, dann schau ich nach dem Burnout vieleicht mal vorbei; sagte es und verpisste sich durch die Hintertür. Und so wartet eine über tausende Jahre wachsende Gemeinde von naiven Herdentieren auf das Blöken eines Typen mit nur einem Latschen und auf seine großen Verkündungen vom himmlischen Königreich und der Erlösung. Erlösung überhaupt - wovon denn? -  vom besoffenen Ehegatten, von der zeternden Vettel in der Küche, vom Zweitwagen oder dem unterbezahlten Bürojob, von Montagen oder von zu hohen Bahntickets? Was für Spinner, warten auf weise Worte aus zweiter Hand!
Wie das mit der Auferstehung richtig geht, dass zeigen SUTURE aus den Staaten. Eine Band die viel zu wenig gehört ist, aber zu den Vertretern mit den dicksten Testikeln im Underground gehört. Zum einen Musiker mit einem sagenhaften Talent, wenn es um effektives und ansprechendes Songwriting geht. Und zum anderen auch zeitgemäß eine Botschaft verbreiten kann, die über die Jahre Staub angesetzt haben mag. Wie sie das machen? Eigentlich ganz einfach, vielleicht kostenintensiver wie andere Rückkehrer, aber einfach. SUTURE veröffentlichen ihr 10 Jahre altes Album einfach noch mal. Nur nicht so wie es gewöhnlich gehandhabt wird, mit einer Glanzpolitur aus dem Rechner, sondern die haben das ganze Teil neu eingespielt. Das mag nun müßig klingen und nicht für jeden nachvollziehbar. Aber der Ton danach ist um einiges aktueller, deutlicher und druckvoller. Kaum vergleichbar mit der rohen Kelle, die vor einer Dekade den Mörtel in die Fugen geklatscht hat. SUTURE haben das bewusst gemacht, klar im Schlaf wohl kaum, aber sie wollten vor einem wirklich neuen Album keinen allzu großen Graben zu ihren frühen Werken … nun ja, graben, und so die Zweifler auf ihre Seite ziehen. Zumindest ist das meine Hypothese. Aber das Konzept könnte aufgehen. Die Variante anno 2013 ist kein unzeitgemäßes Evangelium, das von einer prunkvollen Kanzel in die glotzende Gemeinde gefurzt wird, bei der die Grammatik so antik ist, dass kein Deutschlehrer, der was auf sich hält, diesen grenzdebilen Quark mit in die Grundschule bringen würde. Auf „Carnivorous Urge To Kill“ -  reloaded – erwartet euch das komplette Paket an brutaler Soundmaschinerie, mit einer Produktion die an Deutlichkeit und Kraft kaum überzeugender sein könnte. Ihr werdet vor den Blastbeats knien wie einst die mediterranen Leichtgläubigen im Staube vor dem Fahnenflüchtling. Die hohen Saiten bieten das technische Chaos, das von den tiefen mit Groove und Härte gedeckelt wird. Vorsichtige Progressivität kokettiert mit geschickten Künstlern und der Axt, die das rohe Fleisch auf dem Holzblock zerteilt – metaphorisch natürlich. Das Songwriting ist tatsächlich eine Messe, auch nach so langer Zeit, eingängig und anspruchsvoll, und gerade deswegen klingt die Rille wie ein vollständig neues Album. Ein Album getrieben vom Rückenorkan der integeren Schreibkultur des Death Metal, von intelligenter Raserei und mörderischen Grooves. SUTURE schließen die Lücke zwischen Suffocation und Dying Fetus, und das kostet sie scheinbar kaum Mühe. Die müssen sich nicht mit alten Geschichten in Erinnerung rufen, sondern machen aus den alten einfach neue. Das funktioniert auch gedenk der Tatsache, dass sie sich prominente Verstärkung geholt haben. James Murphy (Death, Obituary & Disincarnate), Rick Rozz (Death & Massacre) und Jim Nickles (ex-Malevolent Creation). Die nehmen das Album zusätzlich noch ins Gebet und gnadenlos auseinander. Desweitern haben sich die Pastoren vom blutigen Stuhl dazu entschieden, zwei neue - alte Stücke vom Demo „Deconstructing Anatomy“ ins Testament zu hacken, die Songfolge neu zu mischen und ein neues Artwork als angemessen für ein neues Produkt zu erachten. Alles zusammen gezählt ist die Aufhübschung von „Carnivourus…“ nicht nur legitim, weil das Album längst nicht mehr erhältlich ist und weil die Band wieder mitmischen will im Streit um den wahren Glauben, sondern weil es einschlägt wie die schwielige Faust Gottes!
9/10

Saturday, October 26, 2013

HELLCRAFT - Tyranny Of Middle Ages - Cd / RTM Productions



Damals in der UdSSR war der Grad der Verstrahlung erheblich, als in der ukrainischen Provinz der Supergau geübt wurde. Hernach kamen die Eingeborenen auf die seltsamsten Ideen. Wollten ein eigenes Reich, einen eigenen Diktator und Festpreise für Spirituosen von der Kolchose. Und nur weil irgendwo einer den Schraubenschlüssel ins Getriebe geworfen hat. Die Spätfolgen sind heute noch Teil der Agenda „Jugendvergiftung durch imperialistische Medienunzucht“. Jüngstes Beispiel sind HELLCRAFT, eine Band in variablem Umfeld um den Mailer geboren, lange nach der Katastrophe aber mitten in eine neue hinein. Die Kinder des Atom spielen ziemlich verstrahlte Musik mir folkloristischer Komponente und einem Faible für Trash … habe ich geglaubt als mich der zornige Ukrainer - Vlad mit seinem nicht ganz blitzblanken Säbel von Cover / Portfolio herab mustert. Wie zur Bestätigung seines nonkonformen Umtriebes mussten noch Gepfählte und Gekreuzigte um ihn drapiert werden. Das Leiden einer einseitigen Schlacht tropft mit Wonne in ein Klischeepfützchen und ich wappne mich für das kommende Grauen aus dem tiefen Osten. Aber ganz weit vorbei gezielt, mühsam erarbeiteten Erwartungshaltungen sind auch so gar nichts mehr wert. Ich denke noch, lassen wir uns vom Retortenzarismus eins auf die Geschmackspapille geben, aber da glitzert die Pusteblume gründlich grünlich im Dunkeln.

Vom einstigen Klassenfeind der Eltern inspiriert, beschäftigen sich HELLCRAFT fast ausschließlich mit schädlichen Amerikanismen, haben die ganze dekadente Erfolgsgeschichte von Sex und Gewalt in sich aufgesogen und leben sie schamlos aus. Ziel ist die Machtergreifung des US Death Metals als der noch nicht verwaschen und trendy und modern und groovy und slam und brudl und einfach doof war. Die Band richtet ihren Fokus auf die frühen 90er aus, als sich Morbid Angel noch mit echten Dämonen prügelten. Ja ich glaube „Altars…“ ist dem Altar im vorsibirischen Proberaum geopfert worden. Und was soll ich sagen, die Herren haben intensiv zugehört, jeden Ton durch jede Körperöffnung gesogen und die graue Masse der Erkenntnis mit Noten aus der Hölle tätowiert. Denn nicht nur dass sie mögen, was die Amis einst so auf Vinyl diabolisiert haben, sie wissen es auch umzusetzen. Egal ob die Rhythmusgitarre zum Schneiden dicke Riffs anbietet, sich manchmal in slayereskem Gewirr verirrt, oder die Leadabteilung ganz klassische kurzgegriffene und meist disharmonische Tricks auf den hohen Saiten ausführt, der Plan geht auf. Düster ist der Kram, den sie aus der heimischen Unfruchtbarkeit stampfen. Um das Terrain passend zu lockern, trommelt da einer, dem die Fußmaschine an die Hühneraugen gewachsen ist, zeichnet so verantwortlich für immensen T 34 Druck, man hört quasi die Knochen unter Panzerketten bersten. Die Stimmung ist weitestgehend vernebelt und sinister und die Lyrics russisch. Versteht kein Habicht, aber auch egal welche Art von Buchstabensalat zur Auswahl gestanden hätte, bei der etwas zu sonoren und bedingt langatmigen Verbalkommunikation des Sängers ist der Quell der Sprache eh unwichtig. Lediglich beim letzten Stück, dass sich vom massiven Gewitter der Vorgänger insofern unterscheidet, dass es viel getragener, partiell melodiöser und vor allem viel länger ist, hätte es gut getan, wenn man die Absichtserklärungen, die der Frontmann aus dem Säckel holt, auch verstehen könnte. Hier offenbart sich die traurige russische Seele, selbst wenn sie keine mehr sein müssen –Russen meine ich. Da kommt er nämlich mit gar nicht so dummen, wenn auch nicht gerade aufregendem cleanen Gesang aus der Deckung. Hätte ich seinerzeit in der Schule bloß besser aufgepasst. Eine wirklich tragende Rolles spielt der Fakt, dass ich in Bezug auf das Russische so kompetent bin wie die Merkel beim Datentransfer, letzten Endes aber wohl kaum.
Ich für meinen von Vorurteilen geprägten Teil bin positiv angetan von so viel negativer Energie die uns da aus der Ukraine entgegen schwappt, und natürlich überzeugt vom Death Metal der kriegslüsternen und etwas verirrten Slawenkinder. Sie suchen ihre Geschichte vor der Türschwelle und benutzen als Hebel den Bleiknüppel der vermeintlichen Patrioten, Weltmachtsfantasten und Meister der Telekommunikation. Ich halte HELLCRAFT für eine erfolgreich um Authentizität kämpfende Band, bei der es Spaß macht, wenn die Saiteninstrumente im Topf der elektrisch verzerrten Möglichkeiten rühren und immer wieder schlagkräftige Nackenbrecher am Löffel zu kleben haben. Es bereitet ungetrübte Freude, Zeuge zu werden, wenn der Drummer sein Kit durch den Fußboden tritt und der Sound rustikal aber saugstark aus dem kleinen runden Silberling entweichen will. Für Veteranen und Sucher, Death Metal Fanatiker und Fetischisten sollten HELLCRAFT trotz rotzhässlichem Cover einen Ausflug ins Kerngebiet der Reaktorkatastrophe wert sein. 
7/10